Warum es in deiner Bewerbung nicht um dich geht (du aber trotzdem profitierst)

“Unsere ganze Gesellschaft ist aufgebaut auf dem Ich. Das ist ihr Fluch, und daran muß sie zugrunde gehen.” Theodor Fontane

Zugegeben, ein etwas schwerer Einstieg in einen neuen Artikel. Aber die gute Nachricht kommt gleich hinterher: Ich bin fest davon überzeugt, dass es Hoffnung für uns alle gibt und es vielleicht doch nicht zum Schlimmsten kommt! ;-)

Das Thema Bewerbung ist heute in meinem Beitrag ein Platzhalter für viele andere Beziehungen im Leben, in denen die Frage nach dem “Ich” und nach dem “Du” eine Rolle spielt. Wie zum Beispiel in unseren Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freunden oder auch Kunden.

So oft setzen wir viel Kraft ein, um unsere eigenen Interessen durchzusetzen, und erreichen trotzdem verhältnismäßig wenig – oder sogar verhärtete Fronten. Hast du schon einmal stundenlange Arbeit in eine Bewerbung gesteckt und dann eine Absage bekommen? Was für ein Gefühl war das?

Wenn es dir wie vielen meiner Leserinnen und Leser geht, hast du einfach nicht verstanden, warum du für den Job nicht in Frage kommst, warst frustriert, enttäuscht und vielleicht sogar traurig oder wütend. All diese Reaktionen sind menschlich, ich sage nicht, dass sie richtig oder falsch sind. Sie sind aber noch etwas. Ein Zeichen dafür, dass deine Gefühle verletzt wurden, weil du etwas anderes erwartet hast. Genau über diese Erwartungshaltung spreche ich heute.

Zähle deine “Ichs”

Wie oft kommt in deinem Anschreiben das Wort “Ich” vor? Sieh’ am besten gleich einmal nach. Dazu gehören auch Sätze, in denen es um “mich” geht:

“Ich interessiere mich sehr für eine Mitarbeit in Ihrem Unternehmen.”
“Aus diesem Grund ist es für mich sehr reizvoll, in Ihr Unternehmen einzusteigen.”
“Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung.”
“Ich arbeite sehr gerne an Projekten im Bereich xy…”
“Ich konnte mich im Rahmen xy unter Beweis stellen…”

Die Aufgabe, das Wort “Ich” zu zählen, reicht manchmal schon aus um meinen Punkt klar zu machen. Es sollte eben nicht nur um dich gehen. Warum? Weil der Empfänger unter Umständen nicht einsieht, dass es überhaupt nicht um ihn geht! Ein Beispiel gefällig?

Hast du schon einmal ein Gespräch mit jemandem geführt, der sich überhaupt nicht für dich und deine Themen oder deine Person interessiert hat? Der null auf dich eingegangen ist? Wie hast du dich gefühlt? Meine Vermutung ist: gar nicht gut. Es war vermutlich ein sehr einseitiges Gespräch und Einseitigkeit bedeutet, dass eine Seite nicht viel davon hat. So ein Gespräch ist nicht nur langweilig, du fragst dich nach einer Weile auch: Warum höre ich da eigentlich noch zu?

Genau so verhält es sich auch mit deinem Anschreiben. Wenn du nur über dich selber sprichst und dich nicht in die Lage des Empfängers versetzt, ist es dann wirklich ein Wunder, wenn du keine Einladung zum persönlichen Gespräch erhältst?

Das negative Verständnis vom “Du”

Sich selber aus dem Fokus zu nehmen ist eine der schwersten Übungen überhaupt, das beobachte ich immer wieder, auch an mir selbst. Dahinter steckt womöglich die Angst, zu kurz zu kommen, nicht gesehen zu werden, nicht “auf die eigenen Kosten zu kommen”. Vielleicht ist auch die sogenannte “Ellenbogen-Gesellschaft” verantwortlich, in der eben jeder sehen muss, wo er bleibt. Wer sich am besten durchsetzen kann kommt weiter und das geht eben am besten mit “Ich-Botschaften”.

Aber was ist die Alternative? Sich vollkommen zurückzunehmen? Völlige Selbstaufgabe zugunsten der anderen, die einen dann nur ausnutzen? Natürlich nicht!

Das positive Verständnis vom “Du”

Hast du schon einmal vom Begriff der Reziprozität gehört? In der Soziologie wird Reziprozität als ein universelles soziales Prinzip angesehen: Menschen sind voneinander gegenseitig abhängig und durch Gegenseitigkeit entstehen Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen. Das Wort kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und steht für:

  • zurückfließen, hin- und herfließen
  • in Wechselwirkung stehen
  • (auf demselben Weg) zurückkehrend
  • auf Gegenseitigkeit beruhend (bei einer Geschäftsbeziehung oder Partnerschaft)

Die Idee dahinter ist, dass du automatisch etwas zurückbekommst, wenn du die Bereitschaft mitbringst, etwas zu geben. Ich weiß, ich hole weit aus, aber das ist wichtig, damit du verstehst, worauf ich hinauswill.

Im Zusammenhang mit deiner Bewerbung bedeutet das: Wenn es dir gelingt, die Perspektive zu wechseln und in deiner Bewerbung die Interessen des Empfängers, also des Unternehmens, bei dem du dich bewirbst, in den Vordergrund zu stellen, dann ist deine Bewerbung erfolgreicher und du profitierst am Ende trotzdem davon.

Was im ersten Augenblick so klingt, als solltest du deine eigenen Interessen komplett zurückstellen, ist in Wirklichkeit nur ein Perspektivenwechsel und letztlich dein Angebot für einen Tauschhandel. Nur wenn du wirklich etwas konkretes anbietest, im Fall deiner Bewerbung deine Leistung, dein Wissen, deinen Mehrwert für das Unternehmen, kann auch etwas zu dir zurückfließen im Austausch dafür. Stellst du hingegen deine eigenen Interessen in den Vordergrund funktioniert das Prinzip nicht.

Geben und Nehmen – nicht nur in der Bewerbung

Während sich beim Ellenbogen-Prinzip jeder nur um sich selber dreht, liegt einem gesunden “Geben und Nehmen” die entspannte Gewissheit zugrunde, dass alles zurückkommt – auf dem einen oder anderen Weg. Nicht immer 1:1, häufig über Umwege, dritte Personen oder vermeintliche Zufälle, aber doch zuverlässig.

Die Angst, zu kurz zu kommen, oder dass einem etwas weggenommen wird, weicht der Zuversicht, dass es sich lohnt, einfach auch mal zu investieren. Zugegeben, das klingt im ersten Moment vielleicht etwas romantisch. Aber auch wenn bald Weihnachten ist erzähle ich dir kein Weihnachtsmärchen wenn ich sage, dass es wirklich funktioniert. Nicht nur im Zusammenhang mit Bewerbungen stelle ich das wieder und wieder fest, es klappt auch und ganz besonders gut im Freundes- und Verwandtenkreis sowie unter Kollegen und, aufgepasst, mit der vermeintlichen “Konkurrenz”.

Fazit

Anfangs mag es etwas ungewohnt sein, die Zügel beim Schreiben der Bewerbung loszulassen und den Druck rauszunehmen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass dadurch im Anschreiben plötzlich Geschichten erzählt werden, die wirklich lesenswert sind und entsprechend auch wirklich gelesen werden. Und manchmal sogar positives Feedback von erfrischten Personalern nach sich ziehen.

Klappt das immer? Natürlich nicht! Aber es geht eben auch nicht um das Aufrechnen jedes einzelnen Handgriffs. Manchmal passt es eben nicht, aber du hast immerhin dein Bestes gegeben.

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5 Kommentare, sei der nächste!

      1. Da hast Du recht. Das ist in der Tat eine ganz feine Linie, die es mit der Zeit gilt, auszutangieren. :) Dieser Artikel beschreibt dieses “selbstbewusste/selbstbewusste geben” schon ganz gut. :-)

        Habe ein schönes Wochenende,
        liebe Grüße

        Julia

  1. Liebe Cathrin,
    sehr wahr was du schreibst. Das Gesetz der Resonanz ist ja ähnlich. Der zukünftige Arbeitgeber ist ja wie ein Kunde, der etwas sucht. Und da heißt es erst einmal die Bedürfnisse abklopfen und dann mit dem super Angebot zu kommen, nämlich der eigenen Arbeitsleistung.
    Danke, dass du hier darauf hinweist, dass das Gesetz ja auch bei Bewerbungen gilt – hatte ich bisher gar nicht dran gedacht. ?

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